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Interview: Dieter Geisinger vom grenzüberschreitenden Vis à vis-Rockcontest

Interview von Markus Biedermann
veröffentlicht am 21.05.2007

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Interview: Dieter Geisinger vom grenzüberschreitenden Vis à vis-Rockcontest

Keine Grenzkontrollen, eine gemeinsame europäische Währung – warum also kein grenzübergreifender Rockcontest mit trotzdem regionalem Charakter? Der Vis à Vis Contest realisiert das im Elsass und in Rheinland-Pfalz, ob man das Ganze nun Pfälzisch-Elsässisch oder Deutsch-Französisch nennen soll, bleibt jedem selbst überlassen – Europa der Regionen, u know? regioactive.de unterhielt sich mit Mitorganisator Dieter Geisinger.

Wie kamen Sie auf die Idee einen länderübergreifenden Contest zu organisieren? Mangel an Talent gibt es ja weder in Deutschland noch in Frankreich.

Wir leben hier in Pirmasens nur ein paar Minuten von der Grenze entfernt und hatten damals keinerlei Ahnung, was sich in Frankreich musikalisch abspielt. Das hat uns interessiert und gereizt und wir haben versucht Kontakte zu französischen Vereinen zu knüpfen, um diese Barriere, die eigentlich nur in den Köpfen vorhanden war, zu überwinden. Was das Talent betrifft, muss ich sagen, dass wir damals von der extrem hohen Qualität der Bands und Einzelmusiker auf beiden Seiten sehr beeindruckt waren.

Wie verteilen sich die Auftrittsorte?

Die 4 Vorausscheide und die 2 Halbfinals finden immer zu gleichen Teilen in Rheinland-Pfalz und im Elsass statt. Das Finale dann alle 2 Jahre abwechselnd in Frankreich bzw. in Deutschland. In diesem Jahr ist wieder Frankreich an der Reihe.

Vis à Vis kann mittlerweile auf eine 7-jährige Geschichte zurückblicken. Was hat sich für euch in dieser Zeit verändert? 

Das Schöne ist, dass man mit solch einem Wettbewerb selbst auch mit wächst und sich weiter entwickelt. Zu Beginn waren 2 völlig unterschiedliche Organisationsteams (ein deutsches und ein französisches) mit völlig verschiedenen Vorstellungen an der Arbeit. So musste es zwangsläufig zu Reibereien bei Themen wie Bewerbungskriterien, Plakatgestaltung, Catering usw. kommen. Danach wurden die Teams gemischt und nach Arbeitsbereichen zusammengestellt, so dass z.B. das Technikerteam, das Filmteam etc. immer aus Deutschen und Franzosen bestand, die dann gemeinsam ihre Arbeitsmethode entwickeln mussten. Inzwischen läuft alles fast reibungslos und wir sind ein richtig gut eingespieltes Team. Insgesamt geht unsere Tendenz immer weiter weg vom klassischen Wettbewerb - dem Gegeneinander um jeden Preis - zum Miteinander, dem gegenseitigen kennen lernen, Kontakte knüpfen. Deshalb spielen auch neuerdings bei den Vorausscheiden jeweils 3 deutsche und 3 französische Bands zusammen, die dann anschließend auch gemeinsam übernachten und Party machen.

Sie versprechen während der Teilnahme am „vis à vis rock-contest“ eine Menge Spaß und Publicity. Auf was könnensich die Bands im Falle eines Gewinns einstellen?

Was den „vis à vis rock-contest“ in erster Linie auszeichnet ist die Möglichkeit für junge Bands, über die Grenze hinweg Auftritte zu spielen, Bands aus einem anderen Land kennen zu lernen und vor allem den musikalischen, vielleicht sogar ein wenig den politischen Blickwinkel zu verändern. Der wichtigste „greifbare“ Preis ist der „vis à vis Rockpreis“ selbst, eine Trophäe, die wir selbst entworfen haben und die aus 2 Hälften besteht, die zusammengefügt einen Regenbogen ergeben. Da wir immer sowohl einen deutschen, als auch einen französischen Gewinner haben, gewinnt jede Band eine Hälfte dieses Regenbogens. Wenn sie die Trophäe später wieder komplett sehen wollen, müssen sich die Gewinnerbands wieder treffen. Am Besten bei einem gemeinsamen Konzert. Was die weiteren Preise betrifft, befinden wir uns z. Zt. in Verhandlungen mit unseren Sponsoren Music Store Köln, Vintage Amp u. a. und rechnen wie auch in den letzten Jahren wieder mit großzügigen Sachpreisen.

Aus welchen Leuten setzt sich die Jury zusammen?

Die Jury besteht aus deutschen und französischen Fachleuten der Musikbranche. Das geht vom Musikjournalisten über Tonstudiobesitzer bis zu Vertretern von Plattenfirmen und natürlich auch erfahrenen Musikern. Bei der Vorauswahl der eingesandten Demos sind auch noch Vertreter der Veranstalter (Rockmusik-Projekt RAINBOW und APEROCK) dabei. Bei den Contests selbst ist die Jury vollkommen unabhängig.

Was muss eine Band mitbringen um diese zu überzeugen?

Die wichtigsten Kriterien sind Originalität, Kreativität und Musikalität. Diese sind wiederum in Rubriken wie z.B. Zusammenspiel der Band, Qualität der Einzelmusiker, Qualität der Kompositionen aber auch Glaubwürdigkeit der Band untergliedert.

Besteht noch die Möglichkeit sich für den Contest zu bewerben? Wie sollte man das am besten tun?

Wir gehen so langsam in den Endspurt. Offizieller Einsendeschluss ist der 31.5.2007, aber wer die letzten Contests verfolgt hat, weiß, dass wir ein Herz für Nachzügler haben (gute Musiker sind leider oft schlecht im Organisieren) und meist noch mal um 2 Wochen verlängern... Die genauen Teilnahmebedingungen findet man auf der Homepage www.visavisrock.de.

Enneri Blaka oder Increase sind zwei Bands die schon vor 2 Jahren als Sieger hervorgingen. Pflegt ihr auch nach dem Event Kontakt mit den Gewinnern? 

Zu einigen Bands besteht sogar noch über Jahre hinweg enger Kontakt. Im Falle von Enneri Blaka und Increase war das auch der Fall. So spielten beide Bands bei der DVD Release Party des Contest 05 und u. a. mit Revolverheld und den Killerpilzen, beim deutsch-französischen „ZIKOMM Festival“, das letztes Jahr in Coburg stattfand. Enneri Blaka hatten auch einen Auftritt beim „Rock in der Muschel“ Open Air und werden beim diesjährigen Halbfinale des Contests im Pirmasenser Kultclub Quasimodo dabei sein. Um Increase ist es in letzter Zeit etwas ruhiger geworden, da die einzelnen Mitglieder inzwischen in verschiedenen Städten wohnen und 2 Besetzungswechsel stattfanden.

Mit Kurt Beck haben Sie sich einen politischen Schirmherrn an Land gezogen, der durchaus für sein kulturelles Engagement bekannt ist. Wie kam es dazu?

Das Bundesland Rheinland-Pfalz ist bereits seit vielen Jahren an der Finanzierung des Rockmusik-Projektes RAINBOW des Internationalen Bundes (IB) als Modellprojekt der integrativen Jugendkulturarbeit beteiligt. Durch diese langjährigen Kontakte und durch die Tatsache, dass Ministerpräsident Kurt Beck schon 2001 bei dem von uns organisierten Großevent “one world, one groove“ in Pirmasens als Schirmherr fungierte, waren wir beim Ministerpräsidenten keine Unbekannten mehr. Das Thema des Wettbewerbes – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus - liegt Kurt Beck naturgemäß sehr am Herzen und so stand seiner Schirmherrschaft nichts im Weg.

Während der Vorrunden habt ihr eine DVD/CD produziert die den Verlauf des Rock-Contests audio- und videotechnisch dokumentieren soll. Ein paar Worte darüber?

Bei der DVD / CD 2005 war es uns wichtig, neue Wege zu gehen und anstelle von langatmigen Interviews und Kommentaren die Bilder für sich sprechen zu lassen. So entstand eine schnell geschnittene, packende Dokumentation die sowohl die musikalische Seite als auch die für uns sehr wichtigen Aspekte des deutsch-französischen Austauschs darstellt. Das Booklet und einige Videoausschnitte kann man übrigens auf unserer Homepage sehen.

Mittlerweile hat das Vis à Vis ja ein paar lustige Vorfälle vorzuweisen, wie z.B. die Band Tinnitus die einen Tourbus mit über 50 Fans mitbrachte. Haben Sie ein persönliches Highlight? 

Gerade Tinnitus gehört für mich mit zu den Highlights. Ich kann mich sehr gut erinnern, wie sie ihren dritten (d.h. letzten) Platz beim Finale mit ihren Fans feierten, als hätten sie den Wettbewerb gewonnen. Dieses sportlich faire „Dabei sein ist alles“ hat mich damals sehr beeindruckt. Auch die Bühnenshow der Band Der Mob beim allerersten Contest, bei der sogar Slips und BHs auf die Bühne geworfen wurden, gehört in diese Rubrik. Auf der anderen Seite gab es einige französische Gastbands, die auf einem dermaßen hohen musikalischen Niveau, aber auch mit einer absoluten Eigenständigkeit spielten, dass sowohl uns als auch den deutschen Bands manchmal einfach die Luft wegblieb.

Sind Unterschiede der musikalischen Herangehensweisen zwischen den französischen und deutschen Teilnehmern auszumachen? Auch im Umgang und seitens der Fans?

Von Seiten der Fans sehe ich da keine großen Unterschiede. Bei der musikalischen Umsetzung gibt es sowohl Unterschiede als auch Entwicklungen. So legten zu Beginn des Wettbewerbes die Franzosen absoluten Wert auf Eigenständigkeit in den Songs, den Arrangements, im Sound und in der Performance. So gut wie jede Band sang in der Muttersprache, was ja in Frankreich auch durch eine Radioquote für einheimische Musik gefördert wird. Bei den deutschen Gruppen hörte man sehr deutlich die amerikanischen und englischen Wurzeln heraus. Nur wenige Bands sangen in Deutsch. Inzwischen hat sich das Bild schon sehr verändert. Vermutlich bedingt durch Musiksender wie MTV und Internetforen wie Youtube fangen immer mehr französische Bands an, „international“ zu klingen und englisch zu singen, was ich persönlich sehr bedaure. Im Gegenzug gibt es deutlich mehr Bands, die die deutsche Sprache wieder für sich entdeckt haben. Ich bin gespannt wie die Entwicklung in diesem Jahr weitergeht.

Wohin geht der Vis à vis Contest im Idealfall in den nächsten Jahren?

Da wir bereits jetzt sehr viel Anfragen von Bands aus Baden-Württemberg und dem Saarland erhalten, liegt es auf der Hand, mit entsprechenden Partnern – dann natürlich auch in Lothringen – den Wettbewerb auch in diese Richtungen zu öffnen. Ein weiterer Wunsch wäre eine Förderung der Siegerbands durch Business-Workshops mit kompetenten Dozenten (zu den Themen Selbstvermarktung, Booking etc) sowie die Möglichkeit, sich anschließend einigen Vertretern von Plattenfirmen oder Booking - Agenturen in einem kleinen Showcase vorzustellen.Hierzu fand bereits ein Meeting statt, bei dem wir uns mit den Organisatoren anderer Wettbewerbe wie z.B. Rockbuster, Rock`n`Pop Youngsters, aber auch Vertretern der Landesmusikakademie sowie der rheinland-pfälzischen Musikschulen trafen, um Möglichkeiten einer gemeinsamen Spitzenförderung für Rock und Pop in Rheinland-Pfalz zu erörtern. Ich bin sehr gespannt, wie sich dieses zurzeit noch zarte Pflänzchen entwickeln wird.

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