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Zur Verleihung des APPLAUS 2018

Interview mit Prof. Dieter Gorny: "Es geht darum, Kultur möglich zu machen"

Interview von Backstage PRO
veröffentlicht am 06.12.2018

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Interview mit Prof. Dieter Gorny: "Es geht darum, Kultur möglich zu machen"

Prof. Dieter Gorny bei der Verleihung des APPLAUS 2018 im Mannheimer Rosengarten. © Initiative Musik

Prof. Dieter Gorny ist der Aufsichtsratsvorsitzende der Initiative Musik und der Vorsitzende der Jury des Spielstättenpreises APPLAUS. Im Interview mit Daniel Koch berichtet er über die Entwicklung und Aufgaben des Preises und die Tücken der Popmusikförderung.

Daniel Koch: Die Juryfotos nach den APPLAUS-Sitzungen sehen immer nach einer sehr vergnüglichen Angelegenheit aus. Können Sie uns ein paar Einblicke in die Jury-Arbeit geben?

Prof. Dieter Gorny: Das freut mich. Als Juryvorsitzender ist es Teil meines Jobs, genau darauf zu achten. Ich habe es dabei allerdings auf Seiten der Jury nicht nur mit sehr viel Sachverstand zu tun, sondern auch mit viel Professionalität. Diese Leute wissen, worüber sie reden. Hinzu kommen ihr Engagement und ihre Leidenschaft. So entsteht ein Diskursprozess, der auch Spaß macht, obwohl er sehr intensiv ist, weil man ja viele Meinungen bündeln muss und am Ende zu einem konsensualen Ergebnis kommen muss.

Wir haben bei den Jurys nie das Problem gehabt, dass da im worst case eine knappe Mehrheit gefällt wurde. Wir versuchen immer an den Punkt zu kommen, wo wir sagen: "Sehen wir das jetzt alle ein, dass das der richtige Schritt ist?" Das sorgt für eine äußerst gute Atmosphäre.

Ich mache das gerne, aber ich glaube, die Leute sind auch gerne Jurymitglied. Unabhängig von der Ehre und Verantwortung, da zu sein, macht es ihnen Spaß, einmal im Jahr zusammenzukommen.

"Die Phase des Dagegenseins ist vorbei"

Daniel Koch: Wenn man sich die APPLAUS-Auszeichnungen der letzten Jahre anschaut, fällt mir immer wieder die große Bandbreite der Clubs auf. Das Spektrum reicht dabei vom Underground-Technoclub über den stilvollen Jazzkeller bis hin zum politischen Jugendzentrum. Berührungsängste von Seiten der Spielstätten scheint es nicht zu geben – was ich bei einem staatlichen Preis gar nicht so selbstverständlich finde. Wie sehen Sie das?

Prof. Dieter Gorny: Es ist wichtig, dass die Clubs verstehen, dass wir ganz konstruktiv Hilfe vor Ort leisten, indem wir mit dem Preis Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel generieren. Es bringt einem Club ja nichts, trotz eines hochwertigen Programms unterzugehen.

Ich glaube, dass wir generell schon länger aus dieser Phase des Dagegenseins raus sind, die die staatliche Kulturförderung anfangs auslöste. Es geht ja darum, Kultur möglich zu machen, gerade auch engagierte Kultur. Dazu gehört auch, dass man sich der Fördermöglichkeiten bedient.

Ich habe es immer als einen großen Fehler angesehen, wenn eine Branche oder deren subkulturelle Bestandteile kategorisch sagen: "Wir brauchen keine Förderung!" Deshalb freue ich mich, dass die Chancen gesehen werden. Die Spielstätten können damit ihre Arbeit stabilisieren. Es ist schließlich die Prämierung eines Programms, die im Nachhinein erfolgt und die in der kommenden Saison für eigene Belange genutzt werden kann.

"Filme und Games werden erwachsener diskutiert als Musik"

Daniel Koch: Trotzdem sind die Beträge, die für die Förderung von Pop, Rock und Jazz zur Verfügung gestellt werden, im direkten Vergleich mit jenen der Klassischen Musik, der Opern oder der Theater immer noch vergleichsweise gering. Woran liegt es, dass man immer noch davon ausgeht, diese Kulturspielfelder müssten sich selbst tragen?

Prof. Dieter Gorny: Wenn man sich so lange damit beschäftigt wie ich, stellt man sich diese Frage immer wieder und versucht das zu versachlichen. Im Vergleich zur Debatte in den neueren Kulturformen wie bei der Filmförderung oder bei den Games fällt mir auf, dass wir bei der Rock-,Pop- und Jazzmusik immer noch dieses Herauskommen aus der Jugendkultur beobachten können, während beim Film und bei den Games bereits sehr erwachsen diskutiert wird.

Da debattiert man über eine Strukturförderung oder Standortförderung oder ähnliches, man will Gamesentwickler stützen, man will, dass in Deutschland wichtige, auch internationale Filme gemacht werden, man beschreibt das ohne Zwänge auch ökonomisch und nicht nur kulturell.

"Popmusik hängt hinterher"

Popmusik hängt immer noch dieser juvenile oder jugendpolitische Kontext ihrer Anfangstage an. Dieser Jugendkulturaspekt, der dem Thema aus seiner Historie heraus eigen ist, erscheint mir heute redundant.

Unabhängig davon, dass die Popkultur noch immer auch die Jugend prägt, ist sie ja mittlerweile ebenso vollumfänglich erwachsen. Wir müssen deshalb darauf achten, dass die Rahmenbedingungen dieser Kultur und ihre Bedeutsamkeit genauso erwachsen diskutiert werden.

Backstage PRO dankt den Gesprächspartnern und der Initiative Musik für die Bereitstellung dieses Gesprächs.

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